Krankheitsbilder im 21. Jahrhundert

Es gibt einen Song von Fury in the Slaughterhouse mit dem Titel „Every generation got its own disease“. Ein Krankheitsbild des frühen 21. Jahrhunderts wird durch Smartphones verursacht. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass das Krankheitsbild auch bei mir partiell auftritt. Deshalb erlaube ich mir dieses auch relativ unverhüllt zu beschreiben. Die Menschen, die das Krankheitsbild zeigen, will ich der Einfachheit halber als die „Bekloppten“ bezeichnen, die anderen Menschen als die „Normalen“. Laut Marktforschungsinstituten sind derzeit ca. 420 Millionen Menschen gefährdet. Eine Lösung könnte eine verstärkte soziale Kontrolle der Bekloppten durch die Normalen darstellen, aber bei signifikanter Überzahl der Bekloppten scheitert diese Kontrolle.

In der vollen Ausprägung zeigt sich das Krankheitsbild darin, dass die Betroffenen alle paar Sekunden ihr Smartphone aus der Hosentasche, der Jackentasche, der Handtasche oder aus einer unter modischen Aspekten vollkommen indiskutablen Gürteltasche reißen um zu prüfen, ob auf der Welt im Allgemeinen oder in ihrer Bekloppten-Peer-Group im Besonderen irgendetwas passiert ist. Mail checken, um gemäß Tim Bendzko die Welt zu retten, Facebook checken, Google+ checken, das Wetter – das offizielle Wetter könnte ja von dem abweichen, was man am Himmel erkennen kann – , und auf Spiegel Online nachgucken, ob der Papst noch steppt. Bei manchen Bekloppten kommen noch der Aktienkurs und die sekundengenaue Marktkapitalisierung ihres Portfolios hinzu.

Mit Flatrate im Inland kann der Bekloppte das alles relativ cool abwickeln. Möglicherweise merkt der Gesprächspartner, dass man gar nicht zuhört. Bekloppte haben allerdings auch für Normale einen begrenzten Unterhaltungswert, weil sie beide Gruppen in disjunkten Welten bewegen. Welchen Normalen interessiert es schon, ob der Papst noch steppt? Untereinander haben Bekloppte einen enormen Bedarf an Informationsaustausch, der allerdings nicht wirklich bilateral ist, sondern lediglich einem Hinwerfen von Information nach dem Motto,  ich weiß was (unwichtiges) was du noch nicht weißt, gleicht.

Das fortgeschrittene Krankheitsbild zeigt sich in Situationen, in denen den Bekloppten die Flatrate fehlt. Dann muss technologisch vor die zuvor beschriebenen Handlungen das Auffinden eines offenen WLANs geschaltet werden. Es sei denn man kann sich das Data Roaming auf Basis einer Erbschaft leisten. Mit einigen Kollegen durfte ich diese Ausprägung kürzlich inkl. Selbststudium in und um Boston beobachten. Die Signalstärke eines offenen WLANs entscheidet über die Straßenseite.  Ein Starbucks in Sichtweite wirkt wie ein Magnet. Im Auto unterwegs gilt es mit großer Eile freies Gelände zu überbrücken, um dann fast wie ein Verkehrshindernis durch den nächsten Ort zu schleichen. Spitze Stopp-Schreie von der Rückbank hallen durchs Auto. Auf dem Weg aus einem  – eine Unverschämtheit – WLAN-freien Restaurant, rennen die Bekloppten schnurgerade in das nahe gelegene Einkaufszentrum mit WLAN, um ihrer Sucht Nahrung zu geben. Es könnte ja sein, das der Papst … Ein Kollege kann nur unter Anwendung unmittelbarer körperlicher Gewalt von seinem Chef aus der Mall gezogen werden, immer wieder stammelnd: „Ich wollte doch nur kurz …“ oder „Die anderen sind doch auch …“. Der Rückflug über den Atlantik kommt einem kalten Entzug gleich. Der Flieger hat allerdings noch nicht richtig in Frankfurt aufgesetzt, da erschallen die bekannten Fanfaren, die die Rückkehr zur kostengedämpften Flatrate-Droge ankündigen. Zu Hause mag die soziale Kontrolle durch einen Ehepartner aus der Gruppe der Normalen zuschlagen. Es soll allerdings auch schon bekloppte Paare geben.

Engere „bekloppte“ Freunde mögen mir diese Glosse verzeihen. Lasst uns rechtzeitig eine Selbsthilfegruppe gründen. Ich bin dabei.

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