Die zweite Personalakte

Social Networks haben ihre Tücken, vor allem da, wo eine in unserer Gesellschaft sonst penibel eingehaltene Trennung zwischen dem Dienstmenschen und dem Privatmenschen aufgelöst wird. Ein Personaler kann heutzutage je nach Altersklasse der Person, für die er sich interessiert, durch StudiVZ, Facebook, XING, Plaxo, LinkedIn oder schlicht YouTube surfen, und er wird oft mehr finden als dem Gesuchten lieb ist. Die Schlüsse, die er aus den Suchergebnissen zieht, mögen differenziert sein, sie sind aber schwerlich durch den Gesuchten steuerbar.

8_2008

Eigentlich habe ich nichts zu verbergen, da ich weder einer Hooligan-Gruppe angehöre, noch anderen  obskuren Freizeitbeschäftigungen nachgehe – außer dass ich Mitglied des FCK bin. Dennoch arbeite ich in den Social Networks ein wenig mit Handbremse. Schade!  Auch kann ich nicht verhehlen, dass ich Erkenntnisse über Mitmenschen, die ich dort gewinne, in mein Hinterkopfbewertungsraster einfließen lasse.

Möglicherweise ändert sich aber die Denke der Personaler oder hat sich bereits geändert. Vielleicht glauben sie gar nicht mehr daran, dass ihr Verwaltungsangestellter wie in einem alten Heinz-Rühmann-Film nach der Arbeit brav nach Hause geht, in Anzug und Krawatte das Abendessen einnimmt, den Kindern zweimal über den Scheitel streicht, der Gattin einen Kuss auf die Wange drückt, einen Blick in die Tagespresse wirft und lediglich zum Duschen die Krawatte lockert,  innerlich und äußerlich jederzeit zum Dienstantritt bereit.

Meine verborgenen Personalakten habe ich auch anlässlich der letzten DNUG-Konferenz in Dortmund ergänzen können. Während der Abendveranstaltung war ich für die Organisation eines Tischfussballturniers verantwortlich. Es galt 40 Teilnehmer so zu koordinieren, dass der Wettbewerb im Laufe der Nacht abgeschlossen werden konnte. Trotzdem wir uns bemüht haben die zukünftigen Spielpaarungen mit größtmöglichem Vorlauf anzukündigen, gab es ständig die Situation, dass  Mitspieler nicht auffindbar waren, wenn sie an der Reihe waren. Einige mussten sogar jedesmal mit viel Aufwand gesucht werden. Auf eine Bewerbung in meinem Unternehmen können diese Herren getrost verzichten. Sie haben bereits vorab einen Eintrag in der Personalakte: Unzuverlässig und undiszipliniert. Zwei Mitspieler verließen einfach die Veranstaltung wortlos vor dem Turnierende. Sie gehen als Kuranyi II und Kuranyi III in die Annalen ein und werden ähnlich wie Kuranyi I für zukünftige Wettbewerbe nicht mehr berücksichtigt.

Glücklich sind die Menschen, die sich außerhalb hierarchischer Organisationen bewegen und deren Leben ein Gesamtkunstwerk ist. Bewerbungsschreiben sind ihnen fremd. Personalakten gibt es nicht. Leistungsnachweise aller Art können getrost unauffindbar bleiben. Solche Leute können auch das Video, in dem sie mit sichtbaren 1,5 Promille auf dem Wohnzimmertisch Luftgitarre spielen, in YouTube stehen lassen.

Leider bietet unsere Gesellschaft nur wenigen Menschen diesen Lebensraum. Alle anderen müssen eben in Social Networks gezielt ihre vermarktbaren Qualitäten darstellen und sich ansonsten lieber etwas bedeckt halten.

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