Im Social Software Stress

Der IT-Darwinismus schläft nie. Die Evolution nimmt unbremsbar ihren Lauf. Immer wieder rollt eine Welle der sozio-kulturellen Veränderung um den Globus, die neue Gewinner nach oben spült und Verlierer hinter sich lässt. In den 80ern haben wir die Zeitgenossen aussortiert, die sich ein Arbeiten mit dem PC nicht vorstellen konnten. Sie wanderten in die Archive und sortieren dort alte Akten. Ein paar wenige wurden Manager, um dem Druck der PC-Arbeit zu entgehen. In den 90ern wurden bis in die Tiefen des Privatlebens die Bevölkerungsgruppen abgeschüttelt, die sich dem Internet als allein seligmachende Informationsquelle verweigerten.

8_2007

Es wird gesurft bis der Arzt kommt. Der Feedreader gibt den Arbeitstakt an. Das persönliche Dashboard informiert über jede kleinste Wetterveränderung in Südgeorgien, die sekundengenaue Kapitalisierung des persönlichen Aktiendepots ist immer im Blick, sinkende Schiffe vor der antarktischen Halbinsel  werden live bestaunt. Doch mit dieser passiven Konsumentenhaltung ist nun Schluss. Der Zeitgeist fordert die Nutzung  von Social Software unter der Fahne Web 2.0.

Die Zeiten des introvertierten, eigenbrötlerischen vor sich Hinwerkelns am PC sind vorbei. Die Zukunft gehört den Extrovertierten, den Selbstdarstellern vom Schlage eines Stefan Raab, denen, die sich in jedes verfügbare Forum stürzen und nicht nur voyeuristisch stöbern, sondern unter Nutzung aller gängigen Buzzwords andere Extrovertierte in ihre Wissensschranken weisen.

„Der Arbeitstag beginnt …“ ist eigentlich kein zeitgemäßer Terminus mehr, denn das Social Software Business ist global und tobt rund um die Uhr. Noch am Frühstückstisch wird das Notebook aufgeklappt, um die nächtlichen Newsticker-Eingänge zu checken. Das ist noch die klassische Lesetätigkeit. Als nächstes geht´s ins Facebook, weil mich jemand als friend hinzugefügt hat. Eine andere Freundin hat etwas auf meine wall geschrieben. Das will gekontert werden. Schnell ein paar Photos vom Wochenende uploaden, damit meine Seite nicht langweilig wird. Als nächstes geht es in XING. Auch hier wartet jemand auf die Bestätigung seiner Kontaktanfrage. Taggen machen wir später. Mein Profil will ich dort schon seit längerem präzisieren. Unter „Ich suche“ und „Ich biete“ jeweils „Kontakte“ einzutragen, ist etwas dünn und wird dem Anspruch der Plattform nicht gerecht. Schnell noch in  Ringo. Auch hier gibt´s neue Photos.

Seit kurzem kommt die EULUC-Plattform der DNUG hinzu. Auch dort sind meine Profil-Einträge noch mehr als dürftig. Wie soll denn jemand meine überbordenden Skills identifizieren, wenn ich sie nicht angemessen darstelle. Weiter geht es mit dem Lesen und Kommentieren der neuesten holistic-Intranet-Einträge. Die Präsentationen aus der letzten Woche müssen noch ins Intranet.  Der Feedreader unterbricht alle paar Minuten  meine Konzentration, und weist darauf hin, dass sich die Welt  auch außerhalb des persönlichen Horizontes dreht.  Ein paar richtungsweisende Blogs müssen noch gesichtet werden. Bloß nichts verpassen. Auch ein DVD-Kauf bei Amazon bleibt nicht ohne Folgen. Ich werde per Email aufgefordert, die Kaufabwicklung zu bewerten.

Trotz allem beschleicht mich das Schuldgefühl, nicht genug präsent zu sein. Irgendwann muss vielleicht mal eine Konsolidierung aller Plattformen in Angriff genommen werden. Herr Schäuble würde das sicher gerne unter staatlicher Obhut anbieten.

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