Ein Hauch von Kritikfähigkeit

In der Computerwoche war kürzlich ein denkwürdiges Interview mit Andreas Resch, dem CIO von Bayer Business Services, zu lesen. Er zweifelte doch ernsthaft an der Perfektion der Softwareindustrie und meinte, dass Anwender als Software eine einzige Katastrophe einkaufen würden. Im deutschen Jubel- und Verlautbarungsblatt der Computerindustrie kommt dies einer Gotteslästerung gleich. Man muss wohl schon CIO eines der größten Industrieunternehmen hierzulande sein, um dieses Weltbild auch veröffentlichen zu dürfen. Ich fand das Interview erfrischend und muss Herrn Resch in allen Punkten zustimmen. Er scheint allerdings Pragmatiker zu sein und fügt sich in die „Verwaltung der Abhängigkeit von großen Lieferanten“. Das hat er aus meiner Sicht nicht nötig.

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Soweit wie ein Hannoveraner Bürger, der seinen PC des Nächtens aus dem Fenster warf, würde Herr Resch seriöser weise vermutlich nicht gehen. Die Hannöversche Polizei hatte aber offenbar die Computerwoche gelesen und somit Verständnis für den nächtlichen Ruhestörer. Er musste lediglich die Straße fegen. Interessant wäre gewesen zu erfahren, welche Eigenart seines PCs ihn zu diesem Wutausbruch getrieben hat: Hatte er gerade versucht einen WLAN Access Point der Telekom zu installieren? Hatte er versucht mit seinem neuen Smart TAN plus der Hannoverschen Volksbank eine Überweisung zu tätigen? Hatte er schlicht versucht mit Microsoft Office 2007 einen banalen Brief zu schreiben oder gar Windows Vista installiert? Wir wissen es nicht. Möglicherweise versuchte er auch mit dem neuen Lotus Quickr zu arbeiten und seine Lotus Notes ID enthält einen Umlaut. Gründe gibt es Tausende. Es entzieht sich meiner wissenschaftlichen Kenntnis, den volkswirtschaftlichen Schaden, den Hardware und Software verursacht, zu beziffern.  Der gefühlte Schaden ist immens hoch. Es ist ja heutzutage legitim, über gefühlte Werte zu berichten.

Der Hannoveraner hatte sich jedenfalls nach eigenen Angaben maßlos über seinen Computer geärgert. Vermutlich hat er das Gerät vorher angeschrien, gehauen, getreten, möglicherweise bespuckt. Das Objekt der Erregung kurzerhand ein paar Stockwerke in die Tiefe zu schicken, schafft sicherlich eine kurzfristige Befriedigung, aber wen will er damit bestrafen.  Vermutlich hat er sich inzwischen bei Mediamarkt („Saubillig und noch viel mehr“) ein neues Gerät mit der gleichen Software gekauft und arbeitet wieder an seinem Adrenalinspiegel. Ich vermute allerdings, dass er ein zweites Mal nicht mit Straße fegen davon kommen wird.

Mein Büro liegt im sechsten Stock mit großem Umlaufbalkon und …. Ich pflege aber lediglich ab und zu die Tastatur etwas härter zu bedienen und richte meine Flüche gegen die Hersteller, derer ich aber leider nicht habhaft werden kann. Im Oktober will ich an einer IBM Lab Tour nach Boston teilnehmen. Dort sollen wir – so die Agenda – mit echten Entwicklern sprechen dürfen. Ich spiele mit dem Gedanken, mir eine lange Liste der Dinge mitzunehmen, die mich im Umgang mit den IBM Produkten gelegentlich auf die Palme bringen. Im nächsten Gedanken zögere ich aber schon wieder, denn  ich will mich ja nicht zum Gespött der Lab Tour machen. Wer will schon durch den naiven Glauben an Veränderungsmöglichkeiten glänzen? Unterm Strich ist es ja auch egal, ob man sich über schlechte Software, das Wetter oder den lauten Nachbarn ärgert. Auf dem Weg zur CeBIT in der übervollen Straßenbahn hörte ich einmal den Spruch: „Wenn ihr etwas ordentliches gelernt hättet, müsstet ihr hier nicht rumstehen!“ Ich bin eben nur Informatiker, dann muss man wohl mit der Computerwelt leben.

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