Auf der Jagd

Internationale und nationale Datenschutzbeauftragte könnten sich eigentlich zu einer letzten Party treffen, vielleicht nochmal ein paar Schoten über den Datenschutz in den vergangenen 20 Jahren erzählen, sich ordentlich betrinken und dann – je nachdem wie ernst sie ihr Amt nehmen – kollektiven Selbstmord begehen oder zumindest alle das Amt niederlegen. Es ist unglaublich zu welcher Lächerlichkeit das Thema Datenschutz inzwischen verkommen ist. Unsere amerikanischen Freunde sammeln sowieso alles, was ihnen in die Finger kommt. Die europäischen Behörden liefern äußerst devot alle Flugdaten an die Amerikaner, und Schäuble, dieser verbissene, verhärmte, vom Schicksal geschlagene Kampfpolitiker, meint nun tatsächlich alle Computer im Lande ausforschen zu müssen, indem er staatlich sanktionierte Trojaner installiert. Ein absurder Gedanke in einem Rechtsstaat, aber vielleicht sind wir ja auch nur ein Feigenblatt-Rechtsstaat. Auch die technische Realisierung seines Vorhabens finde ich abstrus. Will er denn allen Anbietern von Virenschutzprogrammen vorschreiben, welche Trojaner nicht entdeckt werden dürfen, weil es Berliner Staatstrojaner sind? Glaubt er denn wirklich, dass seine Programmierbeamten schlauer sind als die Leute, die er jagen will?

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Nicht weniger perfide sind all die Programme, die automatisiert irgendwelche Daten an die Hersteller schicken, manchmal hinter der freundlichen Frage versteckt, ob man dem Hersteller Unterstützung zur Weiterentwicklung ihrer Systeme bieten will, häufig sicherlich vollkommen unentdeckt. Wer weiß schon was Microsoft inzwischen auf unseren Rechnern alles macht?

Auf Auslandsreisen konnte ich in den letzten Wochen wieder die komplette Vielfalt, aber hochgradige Inkonsequenz in der Fluggastkontrolle genießen. Im einen Extrem der desolate Frankfurter Flughafen, der mir vorkommt wie der Vorhof zu Guantanamo, im anderen Extrem die Kontrollen bei manch inneramerikanischen Flügen, wo man einfach so durchmarschiert. Mal Schuhe aus, mal Schuhe an, mal wird einem das T-Shirt vom Leib gepustet, mal greift einem der Kontrolleur ungeniert in die Hose. Mal Notebook raus, mal Notebook nicht raus. Mal piept´s wie beim Großalarm, mal rührt sich nichts bei gleicher Bekleidung und gleichem Tascheninhalt. Ein Hoch der Terrorismusbekämpfung.

Ich habe ja immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu wenig über unsere wichtige Informationstechnologie schreibe. Lesen Sie bitte die Jürgen Zirke Kolumne, in der Regel auf der gegenüberliegenden Seite. Dort steht das Wichtigste drin.

Aus der IT-Welt kann ich berichten, dass IBM jetzt „coole software“ anbieten will. Weg mit der schweren Kost. „We need to be cool and trendy!“, sagte Mike Rhodin in Orlando. Auch Business-IT wird an Menschen verkauft. Und die wollen etwas, worauf sie auch am Stammtisch stolz sind.

„Social software“ und Web 2.0 heißt der neue Markt. Der Deutsche möge das nicht mit der Hartz IV-Software verwechseln. In Wahrheit soll das brachliegende und versteckte Potential des Mitarbeiters an die Oberfläche gekitzelt werden. Auch hier, die Jagd nach schlummernden Information, aber im konstruktiven Sinne. Aber „cool“, muss es dennoch sein, sonst macht keiner mit.

Na dann warten wir mal die Früchte von Web 2.0 in der internen Unternehmenskommunikation der großen Konzerne ab. Da steht doch jeder Mitarbeiter schon mit einem Fuß im Knast, wenn er Interessantes aus dem Arbeitsleben an der falschen Stelle offenbart. Und ob seine offenbarte Leidenschaft für mongolische Zierfische den Unternehmenserfolg fördert, ist fraglich.

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