Amerikaner in Karlsruhe

In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wurden kürzlich Reiseführer besprochen, die dem unerfahrenen amerikanischen WM-Touristen existentielle Tipps für den Aufenthalt in Deutschland liefern. Wichtigste Hinweise: „Nicht jeder Deutsche trägt eine Lederhose.“ „In der Sauna sitzt der Deutsche nicht mit Badehose.“ „Um 20.00 Uhr guckt jeder Deutsche Tagesschau.“

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Auch wird der Amerikaner in einem Buch „Culture Shock“ davor gewarnt, Deutsche übermäßig freundlich zu begrüßen. Deutsche seien von Natur aus einfach keine sonnigen Frohnaturen. Witze erzählen ist Harald Schmidt oder betrunkenen Deutschen vorbehalten.

Die DNUG-Konferenz in Karlsruhe war eine der letzten fußballfreien Veranstaltungen vor Beginn der WM. Sie stand in Kooperation mit IBM unter dem Titel „Technical Forum 2006“. Da es sich praktisch um eine „kleine“ Lotusphere für Deutschland handelt, war IBM mit einem beachtlichen Tross hochkarätiger Amerikaner vor Ort.

Ob den IBM-Amerikanern auf der DNUG die lebenswichtigen Hinweise aus Reiseführern bekannt waren, entzieht sich wiederum meiner Kenntnis. Gewisse kulturelle Differenzen waren allerdings zu beobachten.

Gleich beim Einchecken im Hotel sprang mir eine amerikanische IBM-Mitarbeiterin an der Rezeption im „Dress Code: Wohlfühlen“ ins Auge. Eine extrem bequeme Pyjamahose in den Vereinsfarben des FC St. Pauli (was ihr sicher nicht bewusst war), kombiniert mit diversen bunten Tüchern und Sandalen, wiesen sie auch ohne Nachschlagen im Reiseführer als Amerikanerin aus. Der Amerikaner unterscheidet ganz deutlich, ob er im Dienst ist oder nicht. Sie war nicht im Dienst.

Bei solchen Veranstaltungen mit IBM jagt ein Dinner das nächste. Am Abend des ersten Konferenztages folgte auf einen IBM Business Partner Roundtable mit Buffet nahtlos das gemeinsame VIP-Dinner von DNUG und IBM. Leicht gehetzt erschienen die Amerikaner mit Verspätung vor dem Dinner-Saal. Mike Rhodin und seine Kollegen waren sichtlich irritiert, als dort keine Platzanweiserin mit Teilnehmerliste stand und die deutschen Gäste sich eher unsortiert zeigten. Als Ersatzhandlung initiierte er dann ein kollektives Händeschütteln in Form der Begrüßung zweier Fußballnationalmannschaften. Hymnen gab es keine. Auch mir stellte er sich brav als „Mike Rhodin“ vor. Ich sagte lediglich: „I know“, was vermutlich wieder nicht in die Etikette passte und das Zeremoniell ins Stocken brachte.

Drinnen war dann mit Tischkärtchen alles vorbereitet. Tischkärtchen sind hilfreich bei Familienfeiern und bei Festivitäten mit Amerikanern. Dann hat alles seine protokollarische Ordnung. Leider waren mir aufgrund  der  Tischkärtchenzuordnung im  weiteren  Verlauf des Abends nur noch innerdeutsche Kulturvergleiche erlaubt. Hessen, Franken, Schwaben, Bayern. Ich denke, dass die amerikanischen Freunde an den Nachbartischen auch ohne Reiseführer klargekommen sind, schließlich waren an jedem Tisch welterfahrene VIPs zur Konversationsführung platziert.

Gelegentliche Lachsalven deuteten darauf hin, dass entweder die amerikanischen Frohnaturen die deutschen Grübler aus ihrer Dauerdepression reißen konnten oder dass das eine oder andere alkoholische Getränk die Deutschen gelockert hat. Es wurden jedenfalls Witze erzählt (Harald Schmidt konnte ich nicht erblicken).

Ich freue mich jedenfalls auf die Fußball-WM und hoffe, dass alle Gäste entweder einen Reiseführer studiert haben, der weniger Klischees bedient, oder die Sache ohne Reiseführer auf sich zukommen lassen. Ich bin dann auch bereit, noch mal über meine Klischees, was Amerikaner betrifft, nachzudenken.

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