Globale Ballspiele 1427

Nun sind wir also im Jahr 2006 angelangt, dem Jahr, in dem alles besser wird. Aber wir dürfen nicht darüber reden, weil Sepp Blatter sich die Zahl 2006 genauso hat schützen lassen wie das Wort „Fußball“, insbesondere aber das Wort „Weltmeisterschaft“. Flüsternd schleichen wir durch die Lande, um nicht beim leichtfertigen oder versehentlichen Gebrauch lizenzierter Wörter straffällig zu werden. Das Damoklesschwert der Abmahnung schwebt über uns allen. Das Grundproblem besteht darin, dass der gesunde Menschenverstand nicht ausreicht, um abzuschätzen, was wohl erlaubt ist und was nicht. Essen und Getränke werden seit kurzem im abgedunkelten Keller eingenommen, weil die lizenzierte Nahrung mit kurzfristigen Gesundheitsschäden verbunden wäre. Ich fahre mit meinem Nicht-Hyundai nur noch auf Feldwegen rund um Hannover, obwohl die Bereifung korrekt ist. Die Stadionumgebung meide ich gänzlich. In Kürze werden wohl AWACS-Flugzeuge über den Arenen der auserwählten Städte die Sonne verdunkeln, und Schäuble denkt angeblich über eine allgemeine Mobilmachung nach. Freuen wir uns auf die „Globalen Ballspiele im Jahre 1427“, und zwar nach islamischem Kalender.

Es gibt also Wermutstropfen im Gastgeberland. Das Geld liegt schein­bar auf der Straße, aber man kann sich schöpferisch nicht so frei bewegen wie man möchte. Man könnte tolle Event-begleitende Wettspiele im Internet oder Intranet programmieren, wenn man sich sicher wäre, was man darf. Aber im Bereich Überwachung ist Hightech-IT gefragt: automatische Hooligan-Erkennung, CTG für Stadionbesucher mit AWACS-Kopplung, Ticketverfolgung per GPS mit automatischer Zusendung eines Haftbefehls, falls das Ticket sich weiter als 4,25 Meter vom registrierten Käufer entfernt. Workflow 2006: Innovation, Tatkraft, Einfallsreichtum sind gefragt.

Ich ahne allerdings, dass unsere Branche von diesem hysterisch aufkommenden Bedarf überfordert ist. Viele scheitern schon an kleineren Brötchen. Kürzlich stellte ein Geldautomat bei meinem Versuch, Geld abzuheben, den Dienst schrittweise ein. In loser Folge liefen Dialoge über den Bildschirm, die mit meinem Anliegen nichts zu tun hatten. Nach zweimaligem selbstständigen Booten erschien der abschließende Hinweis: „Lassen Sie sich nicht verwirren, lassen Sie sich beraten. Ihre Volksbank.“

Das Land Niedersachsen ließ kürzlich einen sportlichen Fitnesstest in den Schulen durchführen. Die Ergebnisse wurden per Browser im Internet erfasst. Die Daten müssen selbstverständlich „anonymisiert“ werden: Der Schlüssel lautet: Erster Buchstabe des Vornamens, Geburtsdatum, Klasse, Schule, Ort. Ein Hoch dem Datenschutz und seinem Schutzbeauftragten! Da hätte die NSA etwas zu knacken. Anspruchsvoller ist da schon eine Name Change Request im Lotus-Notes-Support: „Peter Meyerbeer“ möchte in „Marion Christensen“ umbenannt werden. Rezertifizierung mit Geschlechtsumwandlung. Das fällt wohl in den Bereich „Medizinische Informatik“.

Aber Sie wissen ja, unser Kaiser Franz mag weder Miesmacher, Neider noch Nörgler. Er will fröhliches Volk um sich haben. Ob das auch der Blatter Sepp, der die Eröffnungsfeier platzen ließ, weiß? Da wackeln Männerfreundschaften. Ich fliege jetzt erst mal in die Sonne Floridas, falls der Miesmacher Georg W. mich rein lässt. Aber unsere Angie war ja gerade dort und hat ihm erklärt, was für gute Freunde wir doch sind. Und so steht der guten Laune nichts mehr im Wege…

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