Hard coded – fest verdrahtet

Manche Dinge sind unveränderlich, kein menschliches Wesen und keine Technologie kann sie beeinflussen. Sie sind gottgegeben. Wir nennen diesen stabilen Zustand auch „hard coded“. Ein Beispiel dafür sind Zahlungsziele, verankert im SAP-System großer Konzerne. Grundregel: Je größer der Konzern, desto länger das Zahlungsziel. Zumindest auf der Debitorenseite. Gerne wird von diesen Konzernen behauptet, das System sei von SAP schon so geliefert worden und es müssten Geschwader von Hard- und Softwarespezialisten aus Walldorf kommen, um das Zahlungsziel von 90 Tagen zu ändern. Der eigentliche Auftraggeber verweist auf die Buchhaltung und deren mitfühlende Auskunft lautet: „Ich kann da nichts ändern, das ist hier so drin und das ist immer so!“ Das von uns angegebene Zahlungsziel im Angebot war vermutlich ein Tippfehler oder beruhte schlicht auf Unkenntnis der göttlichen Gesetze im SAP. Wohl dem, der sich hinter SAP-Systemen verstecken kann.

6_2005

Kürzlich informierten wir unsere Kunden über die Preiserhöhungen für den Domino-Server. Meine Kollegin traute sich nicht so richtig, die Email abzuschicken, weil auch unsere Kunden zarte Pflänzchen sind, die man nicht schockieren sollte. Aber man muss der Wahrheit ins Auge sehen. Also raus mit der Email. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die ersten zynischen Kommentare eingingen, meistens mit der Frage nach der Ölpreisbindung der IBM-Lizenzen. Diese feste Verdrahtung war zwar noch weitgehend unbekannt, aber man ist ja heutzutage auf alles gefasst. Welcher Laie versteht schon makroökonomische Zusammenhänge? Rückfragen bei IBM brachten aber glücklicherweise Licht in die Spekulationen. „Die Software ist um 20 bis 25 Prozent besser geworden.“ Da hätten wir doch gleich drauf kommen können. Das unterscheidet übrigens einen Domino-Server von Erdöl, denn letzteres ist nicht besser geworden. Zuletzt erlebte ich solche geringfügigen Anpassungen bei meiner privaten Krankenversicherung. Die war auch plötzlich um 25 Prozent besser geworden.

Eine andere feste Verdrahtung in technischer und preislicher Hinsicht, die manchem Jugendlichen und manchen Erwachsenen die Tränen in die Augen treibt, ist der iPod und sein Akku. Leider gibt dieses Teil, wie jeder Akku, früher oder später seinen Geist auf und der schlaue Steve Jobs hat sicher schon vor Jahren geahnt, dass sich da eine zweite Option des Kassemachens auftut. 100 Euro treiben manchen Jugendlichen an den Rand der persönlichen Insolvenz, aber jede Investition hat ihre Folgekosten. Das muss auch der Jugendliche lernen.

Eine weitere feste Verbindung in den letzten Jahren war mein Wohn­ort und der des Bundeskanzlers. Als Ludwigshafener durfte ich früher Besuchern den Kohlschen Kanzler-Bungalow in Oggersheim zeigen, was mir vermutlich noch heute in Verfassungsschutzakten nachgewiesen werden kann. Ich zog nach Hannover und prompt wurde Schröder Bundeskanzler. Was immer inzwischen passiert sein mag – diese Glosse schreibe ich wenige Stunden vor Schließung der Wahllokale – einen Umzug in die Uckermark plane ich nicht. Ich gedenke  diese Verbindung zu lösen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass mir die geografische Nähe zum Kanzler jemals genutzt hat.

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