Vom Mail-Kollaps und anderem

Ich bin Optimist. Deswegen berührten mich Spam-Mails in der Vergangenheit nicht wirklich. Es genügte, zwei- bis dreimal täglich die Löschtaste zu betätigen und weg war der unbedeutende Kleinkram. In den letzten Monaten jedoch musste ich nicht nur meine Meinung ändern, sondern habe regelrechte Panikattacken entwickelt. Auslöser war der Anblick des exponentiell steigenden Spam-Anteils in meiner Mailbox. Mein Hals bläht sich regelrecht auf, wenn ich überschlage, dass 90 Prozent dieses Mülls aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommen. Sehen sich die Amerikaner doch als Beschützer der freien Welt.

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Diese Spam-Belästigungen symbolisieren nicht nur das Fehlen einer Vertriebskultur. Vielmehr zeigen sie uns die derzeitigen Grenzen der Technik. Fast alle Absender von Spam-Mails bieten fragwürdige Dienstleistungen und Produkte an, die niemanden interessieren und keiner angefordert hat. Selbst wenn die Mails nicht gelesen werden, kostet allein der zwangsweise Abruf des Posteingangs mittlerweile eine Unmenge an Zeit und Datentransfer. Von der Gefahr durch Viren gar nicht zu sprechen. Der Ruf liegt nahe, Account-Inhaber vor unerwünschter elektronischer Post zu schützen. Insbesondere, da in Deutschland eine entsprechende Gesetzgebung bereits existiert. Offenbar gibt es aber Lobbyisten, die gar kein Interesse daran haben, unsinnige Werbe-Mails zu unterbinden. Zumindest reiben sich alle Provider bei den täglichen Spam-Fluten und jedem neuen MyDoom die Hände.

Aber, liebe Profiteure, das Blatt kann sich wenden. Die Gefahr droht von zwei Seiten. Man nehme sich ein Beispiel an ehemals leidenschaftlichen und überzeugten Handy-Benutzern. Sie haben erkannt, dass sie sich zum Sklaven ihres eigenen Gerätes gemacht haben. Daher schalten sie es heute einfach ab und sind mittlerweile bekennende Handy-Hasser. Genauso sind inzwischen die ersten Mail-Totalverweigerer zu entdecken.

Die andere Gefahr besteht darin, dass der weltweite Email-Verkehr in naher Zukunft schlicht und einfach kollabiert oder zumindest zeitweise zum Erliegen kommt. Die Kosten für die Spam- und
Virenabwehr wachsen bei Unternehmen ins Unermessliche. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich Manager erinnern, dass das Geschäftsleben vor vielen Jahren auch ohne E-Mail funktionierte.

Vielleicht kommen auch die Päpste der Holschuld wieder aus der Versenkung und bringen die gescheiterten Konzepte der Kollaboration jenseits des Mailings wieder ins Rennen.

Nicht nur am Computer droht der Kollaps, sondern auch im Flugreiseverkehr in den USA. Die Sicherheitsmaßnahmen auf amerikanischen Flugplätzen haben inzwischen Dimensionen angenommen, die das Fliegen auf manchen Strecken zeitlich nicht mehr rentabel
machen. Das fördert den Gedanken an generellen Flugverzicht.

Aktuelles Beispiel: Orlando, Check-In bei United Airlines mit anschließendem Special Screening. Das Einchecken verläuft mit einer frappierenden Effizienzlosigkeit von ostentativ schlecht gelauntem Personal. 45 Minuten, um einen Koffer abzugeben, bedeuten 45 Minuten Lebenszeit, die ich weitaus angenehmer verbringen könnte. Ergebnis der Prozedur ist ein vierstelliger Code namens „SSSS“ auf der Bordkarte des einen oder anderen Reisenden. Die Prüfung erfolgt per Zufallsauswahl, wobei die Wahrscheinlichkeit auffällig oft auf Deutsche und Franzosen aus dem alten Europa fällt. Frei ins Deutsche übertragen mag „Special Screening Security Service“ heißen: „Der Spaß geht los“. Mit einer Arbeitsgeschwindigkeit, wie sie am Äquator um 12.00 Uhr nicht langsamer sein könnte, wühlen diverse Security-Hilfskräfte in Taschen, prüfen Schuhe, Hosengürtel und diverse Körperteile, um den Fluggast nach einer weiteren Dreiviertelstunde in Richtung Gate zu entlassen.

Kaum sitze ich im Flugzeug, ist der nächste Kollaps in Sicht. Diesmal geht’s um Datenschutz und Staatssouveränität. Fast beiläufig verlauten die Zeitungen, dass das Europäische Parlament den amerikanischen Behörden schnell mal den Zugriff auf alle Fluggastdaten der europäischen Fluggesellschaften genehmigt hat. Ich bin in der europäischen Juristerei nicht übermäßig bewandert und maße mir kein Urteil an. Aber ich frage mich, ob die Abgeordneten in Brüssel und Straßburg nicht weit über ihre Kompetenz hinausgeschossen sind.

Für mich bedeutet diese Bereitstellung persönlicher Daten eine überflüssige Kapitulation der europäischen Staatssouveränität vor der amerikanischen Überwachungswut. Europäische Behörden sind durchaus in der Lage, alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen durchzuführen, zumal man hierzulande auch Hamburg von Homburg unterscheiden kann.

Nachtrag, November 2008: Mit der Ankündigung der Nutzung von Nacktscannern haben wir eine neue Ebene erreicht. Die Dinger werden kommen, auch wenn man jetzt erst mal beschwichtigt. Meine Prognose: Im Jahr 2015 sitzen wir nackt im Flugzeug. Wegen vorheriger Darmspülung bitte 120 Minuten vor Abflug am Check-In einfinden.

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