„Zweitverwertung“ der Berufserfahrung

Mit einem Freund aus der IT-Branche überlegte ich kürzlich die (Geschäfts-)Idee, ob wir mit einer „Zweitverwertung“ unserer Berufserfahrung ein paar Euro dazuverdienen könnten. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland überflutet derzeit die Wenigsten von uns mit Umsatz, bietet aber eine Menge Ansätze, unseren Berufsalltag kabarettistisch zu inszenieren.

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Auslöser unserer  Diskussion war die mühsame Darbietung einer James-Bond-Comedy-Truppe beim IBM Business Partner Camp, eine bedrückend flache Darstellung zwischen Action und Slapstick. War die Ähnlichkeit zur Politik beabsichtigt oder Zufall? Mit einer eigenen Vorführung hätten wir jedenfalls den Unterhaltungswert aus dem Stegreif toppen können.

Es gelang uns aber nicht, den Business Case „IT-Kabarett“ gesund zu rechnen. Da brachten selbst ein paar Kölsch keinen rechnerischen ROI. Mit anderen Worten: Was könnte ein IT-Kabarett inhaltlich bieten? Und existiert überhaupt ein Zuschauer, der sich für eine solche Leistung interessiert?

Natürlich kennen wir eine Fülle von brancheninternen Schoten, die sich entweder um Bill Gates oder den dümmsten anzunehmenden User ranken. Aber schon am heimischen Küchentisch finden diese Witzchen keinen Abnehmer. Der branchenfremde Lebensabschnittsgefährte oder die Gefährtin blicken verständnislos drein und die Kinder kratzen sich demonstrativ unter der Achsel. Lediglich bei geschlossenen IT-Stammtischen werden Witze aus der Branche verstanden, lassen aber das Gefühl zurück, dass es schon bessere Abende gab. Sieht ganz so aus, als ob die Gründung eines IT-Kabaretts zu den riskanten Business Cases zählt.

Kabarett besteht weniger aus plumpen Witzen. „Sex and Crime“ ist immer ein Garant für Publikumsinteresse. In der IT-Branche: Fehlanzeige. Sie ist ähnlich der Bankbranche unsexy. Das mag an der schwierigen erotischen Zuordnung der Beschäftigungsobjekte liegen: die Software, die Hardware, das Consulting, das Geld, der TechDax. Über alkoholbedingte Entgleisungen zu Messezeiten sollte vornehm geschwiegen werden. Die Crime-Elemente beschränken sich auf Wirtschaftskriminalität, und nichts ist langweiliger als diese Sparte. Lediglich jeder 25. Tatort-Krimi strapaziert diesen Kriminalitätssektor.

Auf der weiteren Suche nach der gesellschaftlichen Relevanz „meiner“ Branche habe ich die Literaturbeilage der „Zeit“ zur Frankfurter Buchmesse durchgeblättert.

Teil 1: Belletristik – da stehen andere Themen zur Diskussion.

Teil 2: Kinder- und Jugendbuch ist verständlicherweise auch kein Bezug zu finden, obwohl durchaus Themen denkbar wären.

Teil 3: Politisches Buch. Ich ahnte es. IT ist absolut apolitisch, keiner Erwähnung wert.

Teil 4: Sachbuch, meine Hoffnung auf den Nachweis gesellschaft­licher Relevanz. Aber entweder haben die Zeit-Redakteure kein Interesse an IT-Themen oder entsprechende Werke sind in Frankfurt nicht aufgefallen.

Teil 5: Musik – glücklicherweise (noch) ohne IT.

Ein weiteres Indiz für die mangelnde Relevanz unserer Branche: Ich habe meine Tochter gefragt, ob in GZSZ Computerthemen eine Rolle spielen. Ihre Antwort: Null. Nicht mal im werbeträchtigen Product Placement scheint die IT-Branche aktiv zu sein.

Kabarettistische Verwertung von IT-Themen scheint derzeit auf einem genauso dünnen und gefährlichen Brett zu stehen, wie so vieles andere in unserem Land. Wir bleiben also dabei, den einen oder anderen Insiderscherz als Testballon auf branchenübergreifenden Partys zu starten. Und wir achten sensibel darauf, ob nur aus Höflichkeit geschmunzelt wird oder wieder einer präventiv lacht, weil er Witze sowieso nie versteht.

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