Drahtlose Höhenflüge

Perfektes Wireless LAN in allen Lebenslagen, das ist die Perspektive. In vielen Büros ist es schon fast selbstverständlich. Im heimischen Bereich allerdings erscheint es immer noch spektakulär, wenn man lässig im Garten sitzt und ohne Kabel vor sich hin surft. Allerdings muss man diese Sensation jedem vorbeilaufenden Nachbarn zurufen, damit er auch jenseits des Gartenzauns erkennt, dass man online ist. Er könnte sonst denken, man wäre offline und dann wäre die Investition in das WLAN umsonst gewesen.

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Auch auf der Lotusphere 2003 in Orlando war der Trend der Zeit unübersehbar. In jedem Zimmer, auf jedem Sofa, während der Vorträge, überall konnte der Besucher mit einem entsprechend ausge­statteten Notebook den Zugang zum lokalen Netz nutzen und auch Surfen – kostenlos und ohne umständliche Stöpselei. Technisch keine Sensation, aber immerhin ein neuer Komfort.

Diesen versprach die Lufthansa noch zu übertreffen – Stichwort: Luft­hansa Flynet. Einige Wochen vor dem Flug nach Orlando erhielt ich von der Fluggesellschaft eine aufwendig gestaltete Broschüre mit einem eingeklebten Spiegel. Neben diesem war zu lesen: „Hier sehen Sie einen Flugpionier.“ Für meinen Flug von Frankfurt nach
Washing­ton wurde mir in schillerndsten Farben als neuer Höhepunkt des Technologiekomforts Wireless LAN versprochen. In meiner Euphorie teilte ich einer Vielzahl von Bekannten und Verwandten mit, dass Sie von mir aus dem Flugzeug ein Email erhalten würden und wir locker chatten könnten. Vor dem Boarding in Frankfurt wurde ich erneut mit der gleichen Broschüre an die neueste technische Errungenschaft erinnert. Es galt nur noch einzusteigen, Platz zu nehmen, Notebook aufzuklappen und los geht´s.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, was jedoch Ursache für die späteren Entwicklungen sein konnte: Kurz vor dem offiziellen Boarding stürmte Innenminister Schily mit einer Schar Bodyguards in den Flieger.

Während ich mich in meinem spartanischen Sitzplatz einrichtete, um Thrombosen zu vermeiden, beobachtete ich mit Interesse die Flynet Assistants in ihren schick bedruckten T-Shirts, wie sie emsig durch den Flieger eilten. Als sie allerdings mit langen Ethernet-Kabeln hantierten und in aufopferungsvoller Körperhaltung unter den Sitzen der Passagiere nach Buchsen forschten, wurde ich skeptisch. Sollte das Wireless LAN sein? Ständig wurden Notebooks durch die Gegend geschleppt. Erfolge bei Notebook-Besitzern in den nächsten Reihen konnte ich auch nicht beobachten. Angespornt von einem Kollegen, fragte ich schließlich einen Flynet Assistant, ob ich denn nun auch mit meinen ThinkPad das neue WLAN-Angebot nutzen könne. Der Traum vom Flugpionier war dann mehrstufig schnell vorbei.

Unglück Nr. 1: Wireless LAN funktioniert in dieser Maschine leider nicht, weil die Lufthansa noch keine Zulassung für Karten habe. Vielleicht sieht es in zwei Wochen anders aus. Unglück Nr. 2: In der Nähe meines Sitzes gab es auch keinen Ethernet-Anschluss. Insgesamt wurden zwar Kabel in einer sagenhaften Länge von 3,8 Kilometern verlegt, aber leider nicht im mittleren „Compartment“. Der Hoffnungsschimmer: An Bord befanden sich sechs Leihgeräte, und der Flynet Assistant versprach, mich ganz oben auf die Warteliste zu setzen. Unglück Nr. 3: Dort blieb ich auch. Ich vermute, die Bodyguards von Schily hatten alle Leihgeräte in Beschlag und spielten Counterstrike, Command & Conquer oder Return to Castle Wolfen­stein.

Es war mir dann aber auch nicht mehr so wichtig. Mit meinen Chat-Versprechungen und meiner angekündigten Email-Flut hätte ich mich ohnehin blamiert. Ein besser situierter Kollege klärte mich später auf, dass in der First Class alles prima funktionierte, zwar nicht „wireless“, aber immerhin mit Kabel.

Auf der Lotusphere angekommen, wollte ich als stolzer Besitzer von Triband-Handy und Calling Card auch im Bereich Mobile Calling kostengünstig „on top“ sein. Mit der Technik gab es keine Probleme. Die Einwahl über die kostenfreie Zugangsnummer per Calling Card mit CLI-Erkennung hat super geklappt. So war der Telefonierfreude in die ferne Heimat keine geizige Grenze gesetzt. Ein Irrglauben, wie sich zuhause in Deutschland herausstellte. Denn den Strafbefehl für Naivität beim Telefonieren stellte unser Provider Ende des Monats aus: 307,80 € für abgehende Roaming-Verbindungen. Man lernt nie aus. Immerhin versprach der Provider, den Sachverhalt zu prüfen.

So eilen wir weiter mitten im Strom von Innovationen. Ewig im Wechsel zwischen Frust und Euphorie, aber mit jedem Schritt haben wir die Chance, ein bisschen schlauer zu werden.

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