Theorie und Praxis im Projektgeschäft: Top-down oder Bottom-up – oder doch lieber freifliegend rotierend

In unserem Business muss man eine (und nur eine) feste, unumstößliche Meinung zu allen Dingen des Lebens haben. Denn im Projektgeschäft der IT-Branche wurde weder der Pluralismus, noch die Dialektik und schon gar nicht der persönliche Zweifel erfunden. Wir haben absolut deterministisch zu sein: Alles ist klar, alles ist eindeutig, es gibt nur einen Weg. Und was das Wichtigste ist: Wir kennen diesen Weg.

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Am Anfang eines Projektes steht immer der Anforderungskatalog. Er ist exakt, verbindlich und unumstößlich. Heilig, sozusagen. Er ist die Addition aller Weisheiten, die am grünen Tisch zusammengeflossen sind.

Der Leistungskatalog kann von Top-down-Denkern erstellt worden sein, dann ist er besonders weise. Er kann aber auch von Bottom-up-Streetworkern zusammengestellt worden sein. Dann trifft er die Realität oft besser, steht aber manchmal unter dem Motto: „Anarchie ist machbar!“

Manchmal gleicht der Anforderungskatalog mitsamt seiner Verabschiedung einer Zangengeburt. Dann leidet er unter Quetschungen und Überreife. Die Entscheider jedenfalls fühlen sich rundum sorglos, wenn er verabschiedet ist.

Nach der Freigabe darf dann endlich „richtig gearbeitet“ werden: Die Entwickler kommen aus den Startlöchern. Der Projektmanager versucht, den Flohzirkus im Griff zu behalten. Ein Aha-Effekt jagt den anderen, die Nebel lichten sich. Einige mit Zittern erwartete Hürden fallen um wie ein Kartenhaus, andere konzeptionelle Fallen tauchen auf und bereiten allen Beteiligten schlaflose Nächte. Mancher Anforderungskatalog zerbröselt unter der Last der Realisierungspraxis. Flexibilität und Überblickwahren sind im Projektgeschäft die gefragtesten Fähigkeiten. Mein Aufruf lautet daher: „Gebt der evolutionären Software-Entwicklung eine Chance!“

Für das Projektziel sollte ein gewisser Spielraum definiert und anschließend mit vereinten Kräften darauf zugearbeitet werden. Das bedingt allerdings Fairness und Vertrauen auf allen Seiten. Der Kunde sollte mit seinen Änderungswünschen nicht den Rahmen des  Möglichen sprengen. Weihnachten ist nicht alle Tage. Der Dienstleister wiederum darf den Kunden mit der Bemerkung: „Puste­kuchen, das steht so nirgends im Anforderungskatalog!“ nicht vor den Kopf stoßen. Verantwortliche in der Rechtsabteilung und Controller mögen bei diesem Vorgehen leichte Magen­schmerzen erleiden, aber die Welt ist eben manchmal komplexer, als es Verträge und Pläne darstellen können.

Ich will damit nicht einer anarchistischen Softwareentwicklung das Wort reden, aber unsere Kreativität leidet oft zu sehr unter dem Würgegriff des Projektplanes. Wir benötigen wieder mehr Freiraum für unsere Ideen. Nur so erzielen wir gemeinsam die besten Ergebnisse. Wenn zu Projektschluss ein Ergebnis entsteht, das alle begeistert, kräht doch kein Hahn mehr nach dem Anforderungskatalog.

PS: Diese Glosse entstand übrigens während eines Meetings, in dem zäh um einen seit Wochen in den letzten Zügen liegenden Anforderungskatalog gekämpft wurde. Irgendwie musste die Zeit sinnvoll genutzt werden.

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