Quo vadis, Lotus?

Wieder stehe ich vor dem Dilemma, dass meine Leser eine lustige Glosse erwarten, die vergangenen beiden Monaten jedoch wenig  Amüsantes geboten haben. Mir scheint die IT-Branche ohnehin etwas gehemmt, was Belustigungen betrifft. Auch kulturell gilt sie nicht als besonders ergiebig. Und wenn man darüber hinaus wie das Karnickel auf die Schlange guckt, sind die Geschichten, die das Leben schreibt, eher der trockeneren Art.

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Für die einen Karnickel ist der Nemax 50 die Schlange, für die anderen ist es der Investor oder auch der Chef mit seinem in ein Excel-Sheet gemeißelten Geschäftsmodell. Für manche ist es „nur“ die Computerwoche, die sie beim Durchlesen schon wieder zu drei Vierteln nicht verstehen.

Für Lotus-Mitarbeiter ist es IBM.

Der Spatzengesang auf den Dächern ist in den letzten Monaten zum Posaunenchor angeschwollen: Der Weg der Lotus Development Corporation von der innovativen Softwareschmiede zum „IBM brand“ ist vollzogen. Als tröstender Ritterschlag wird die Marke Lotus zum „power brand“ geadelt. Die Entwicklung ist eigentlich vollkommen logisch, und mancher hätte die nahtlose Eingliederung von Lotus in die IBM schon viel früher erwartet. Aber wenn´s dann endgültig passiert, reiben sich doch Beobachter und Betroffene die Äuglein. Der letzte Feierabend-Umtrunk – mir ist der amerikanische Fachausdruck gerade entfallen – auf dem CeBIT-Messestand war geprägt von emsigen Film- und Fotoaufnahmen, und das war mehr als das Ausprobieren der neuesten Digitaltechnik. Es war der Abschied vom letzten Lotus CeBIT-Messestand und der Schimmer einer Träne war in manchem Auge zu sehen. Das eine oder andere gelb-schwarze T-Shirt wird wohl in Folie geschweißt werden, um es später den Enkelkindern zeigen zu können.

Was mich etwas erstaunt, ist die asymptotische Näherung an den Lichtschalter. So richtig ausmachen will ihn keiner, es scheint mehr ein Dimmen zu sein. Da hat die Branche schon Härteres erlebt. Manches Licht wird mit der 54er-Magnum ausgeschossen.

Wenden wir uns den konstruktiven Perspektiven zu: Lotus wird neben DB2, Websphere und Tivoli eine von vier „power brands“ in der IBM-Softwarewelt. Die exakte Positionierung der Lotus-Assets wird weiter fortschreiten, manches Kleinod wird von der Bildfläche verschwinden, das eine oder andere Produkt wird unter dem starken IBM-Logo zur Institution im Softwaremarkt werden. Es ist wünschenswert, dass sich diese Entwicklung für Business-Partner und Endkunden transparent vollzieht, damit wir nicht in Investitionsgräben laufen. Also, liebe IBM-Leute, gebt uns rechtzeitig Bescheid, was ihr plant – so weit ihr es überhaupt wisst!

Zum Schluss noch teilweise Erfreuliches: Einer meiner Lebensträume ist der Clipboard Stack, also die Möglichkeit, mehrere Dinge hintereinander ins Clipboard zu nehmen ohne das Vorhergehende zu löschen. Das hat Billy jetzt in Office 2000 realisieren lassen. Danke! So kann man auch mit kleinen Sachen Benutzern eine Freude machen. In Lotus Notes geht das noch nicht, aber mit der Power von IBM … Über weitere Lebensträume informiere ich Sie das nächste Mal.

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