Die Sitten verrohen oder das Niveau sinkt unter den Kanaldeckel!

Immer wieder fahnde ich nach menschlichem Kulturgut in unserer Branche. Denn ich habe festgestellt, dass viele Protagonisten im IT-Business den Blick für den eigentlichen Zweck unserer Tätigkeit verlieren: Wir bieten Kunden Dienstleistungen und IT-Produkte an, wobei wir sowohl als angenehme als auch kompetente Gesprächs- und Kooperationspartner auftreten möchten.

Denn: Kunde = Mensch und Mitarbeiter = Mensch, der eigene Mit­arbeiter übrigens auch.

Im Moment machen allerdings einige „Erfolgreiche“ eher durch Schlammschlachten und fortgesetzte Geldverbrennung am Neuen Markt von sich reden. Die persönliche Nabelschau steht im Vordergrund. Es wird mehr Zeit mit dem Studieren von Aktienkursen als mit dem Arbeiten im Dienst des Kunden verbracht. Dass dabei manche Aktivität stilistisch unter die Gürtellinie gerät, lässt sich nur durch den hohen psychologischen Druck „rechtfertigen“, der auf den Chefs lastet. Sicher liebäugelt der eine oder andere mit der Wiedereinführung des Sklavenhandels.

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Hand auf’s Herz: Wie existentiell ist für Sie persönlich der Neue Markt? Gibt es einen Unterschied zur Bedeutung der Fußball-Nationalmannschaft? Bei Licht betrachtet ist beides so wichtig wie ein Fahrrad vor dem Bahnhof von Hongkong. Es ist nur dann interessant, wenn es Ihr eigenes ist. Ähnlich sollten Sie es mit den Unternehmen am Neuen Markt halten. Warum kümmern wir uns um eine virtuelle Marktkapitalisierung in Schwindel erregenden Dimen­sionen, von der nur eine winzige Gruppe profitiert? Wollen wir in einen Neo-Royalismus abdriften? 99,999% begeistern sich an der Macht von 0,001%.

Der Ausdruck „going public“ ist ohnehin unangemessen, solange Mehrheiten in der Hand der ursprünglichen Eigentümer bleiben. Der kleine Aktionär ist vom „goldenen Finanzierungs-Esel“ nicht weit entfernt.

Auf dem Weg zum IPO – falls der Ausdruck nicht geläufig ist, schlagen Sie auch unter BSE nach – werden Business Frameworks entworfen, in denen die Worte Benutzer, Anwender oder gar Mensch säuberlich getilgt sind. Diese – eigentlich wichtigsten Komponenten – werden durch Gewinnerwartung, ROI, Marktkapitalisierung und ein Bündel technokratischer Schlagworte ersetzt. Bereits im Vorfeld zum Börsengang wird vorsorglich alles scheinbar Hinderliche ausgemerzt, das vermeintlich Förderliche vereinnahmt. Im Innenverhältnis werden Mitarbeiter zu Zahlenspielereien in den Rubriken Ressource und Skills. Das Einvernehmen mit den Auftraggebern in dieser Denke wird euphorisch vorausgesetzt. Von einer internen Arbeitskultur und Maximen im Umgang mit Kunden (außer der Gewinnmaximierung) habe ich schon lange nichts Glaubhaftes mehr gehört oder gelesen.

Die Publikation der Erkrankung von Heiko Herrlich als pflichtge­mäße Börsennotiz – zugegeben, nicht am Neuen Markt – stellt den traurigen Höhepunkt dieses neuen Weltbildes dar. Zukünftig ist das EKG jedes Vorstandes live im Web anzusehen. Interessanter wäre in manchen Fällen das EEG.

Nicht für 10 Millionen, nicht für eine Million, nicht für eine einzige Mark folge ich dieser Kultur.

Vorbild für diese Entwicklung sind wie immer die Amerikaner. Wie lange aber wollen wir uns noch an einer Nation orientieren, die nicht mal in der Lage ist, ihre Wahlzettel korrekt zu zählen?

Es gibt auf diesem Planeten wahrhaft genug Sinnvolles zu tun. Dem würde ich mich gerne widmen – und zwar ausschließlich.

P.S. Allen, die vom „Neuen Markt“-Zug abspringen oder gar nicht erst aufsteigen, spreche ich meine ausdrückliche Hochachtung aus.

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