Glossendilemma

Zur Vorbereitung einer Glosse gehe ich gedanklich immer die Erlebnisse der letzten Wochen durch. Der Stoff geht dabei nie aus. Die tauglichsten Themen handeln von Ärgernissen, Misslichkeiten im Geschäftsleben, auch mal von eher seltenen freudigen Überraschungen. Manche Ärgernisse wiederholen sich – wie beispielsweise die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn.

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Eben sitze ich mit 30 Minuten Verspätung im Frankfurter Hauptbahnhof. Das Stellwerk hat den automatischen Dienst eingestellt. Der von mir in der letzten Glosse beschriebene Hannover-Strafzuschlag wurde offenbar noch nicht in die Frankfurter Stellwerktechnik investiert. Ein sächsischer Mitreisender meint: „Wie in Russland!“ Er muss es wissen. Aber immerhin, überdacht mit Sitzplatz, was will der Mensch mehr.

Ein glossenwürdiges Event besteht meist darin, dass Kunden, Partner, Lieferanten, eigene Mitarbeiter oder im Extremfall der Schreiber persönlich in die Misslichkeiten verwickelt sind. Da ich mich in diesem Umfeld weiterhin friedlich und kooperativ bewegen möchte, verbieten sich manche Themen. So nimmt man sich die Großen mit dem breiten Kreuz als Opfer.

Kennen Sie sich mit Bestellungen eines Netfinity-Servers bei IBM Telesales aus?

Der geneigte Käufer startet mit einer 0180er-Nummer. Die Freundlichkeit des Call-Center Personals ist löblich. Man landet geographisch in Dublin, wird aber in vertrautem Schwäbisch betreut. Mein Konfigurationswunsch: zwei Netfinity- Server in „e i n e m“ Rack, Flat-Screen, Tastatur, Maus.

Mein Betreuer kämpft sich durch den Netfinity rack configurator. Man nähert sich in etlichen Telefonaten der optimalen Zusammenstellung. Einige Tage später erhalte ich eine schriftliche Bestätigung meines Auftrags. Kleiner Schönheitsfehler: aus zwei Servern wurde nun einer. Wieder ein paar Telefonate nach Hannover, Stuttgart, Frankfurt und Dublin. Ergebnis: Ich korrigiere die eins auf zwei, ergänze mit großem Ausrufezeichen den Hinweis „zwei Server in einem Rack“ und sende die unterschriebene Bestellung zu IBM. Die Überraschung ist groß als einige Wochen später ein Rack halber Höhe mit einem Server geliefert und gleichzeitig die restliche Lieferung für die nächsten Tage angekündigt wird. Es kommt wie es kommen muss.

Eine Woche später erreicht mich die exakt gleiche Lieferung nochmals. Zweites halbhohes Rack, zweiter Server, zweite Tastatur, zweite Maus. Der freundliche Schwabe kann sich das alles nicht so richtig erklären. Er bittet mich aber, alles zu behalten, weil sonst alles wieder von vorne losgehe. Beim Zusammenbau zeigt sich, dass exakt zwei Server in ein halbhohes Rack passen, dann aber für die Tastatur und den Flatscreen kein Platz mehr ist.

Wir sind nun stolze Leasingnehmer für zwei todschicke schwarze halbhohe IBM-Racks. Die zweite schicke schwarze IBM-Tastatur hat schnell einen Liebhaber gefunden. Das zweite schwarze Mäus­chen ziert ebenfalls einen Arbeitsplatz. Eigentlich sind halbhohe Racks auch praktischer. Man kann sich lässig beim Konfigurieren darauf abstützen, die Kaffeetasse muss nicht so hoch balanciert werden, es ist im Prinzip wie ein kleiner Schreibtisch zu benutzen. Zwei nebeneinander bilden einen ganzen Schreibtisch und lassen sich genauso als Massenablage verwenden…

Ich fing mit der Deutschen Bahn an und möchte damit auch schließen. Nun bin ich auf der Rückfahrt von Frankfurt nach Hannover. Verspätung ca. 30 Minuten. Meine Bahncard habe ich heute bereits vier Mal gezeigt. Ich häng‘ sie mir in Zukunft in einer Klarsichthülle um den Hals.

Freundlicher Gruß an Herrn Mehdorn,

Ihr Jörg Allmann

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