Die Optimisten, die Realisten und die Nihilisten

Mein Geschäftsalltag besteht darin, vor größeren oder kleineren   Problemen zu stehen und unter Zeit- und Kostendruck die richtige Entscheidung zur Lösung dieser Probleme treffen zu müssen. Dabei treffe ich intern wie extern auf drei Typen von “Beratern“: Optimisten, Realisten und Nihilisten. Eigentlich sind für mich nur die Realisten von Interesse. Da die Optimisten und die Nihilisten aber oft mit Tarnkappen arbeiten, fällt die richtige Selektion schwer.

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Die Optimisten – auch als “die Oberschlauen“ zu bezeichnen – rufen im Vorbeigehen: „Mach´n Update auf 5.01a!“, „Nimm DGW!“, „Nach einem Boot ist alles wieder gut!“, „Neuen Treiber aus´m Web drüberbrezeln!“, „Ich mail dir ´nen Workaround!“ oder „PCs sind biologische Systeme. Manchmal löst sich das von selbst!“.

Die Realisten sagen mit Kopfkratzen: „Es gibt da zwei oder drei Lösungswege, das ist aber alles ausgesprochen viel Arbeit.“

Die Nihilisten knurren: „Kannste vergessen!“, „Hat noch nie funktioniert!“, „Na denn viel Spaß!“.

Ein exemplarisches Problem bei uns ist seit Jahren die Entwicklung von multilingualen Applikationen und Add-On-Tools. Es besteht aus einem ständigen Hin und Her zwischen generellem Wegdiskutieren der notwendigen Mehrsprachigkeit, konzeptloser Doppel- und Dreifachpflege von Lotus Notes-Datenbanken, Implementierung einer LSA-konformen Mimik mit Tendenz zum Erwürgen der Applikation bis hin zur Unpflegbarkeit. Und als Krönung gibt es auch noch
Domino Global Workbench. „Nimm doch endlich DGW“, sagte ein Optimist zu mir.

Ich nahm es und taggte Strings bis ich unter mittleren Kreislaufpro-blemen litt – jeder Arbeitsschutzbeauftragte hätte mich von meiner Strafarbeit erlöst. Immerhin, nach fleißiger Übersetzung von 500 Terms gönnte ich mir hoch über den Alpen die erste automatisch generierte „language database“ und landete mit einer präsentablen englischen Version der Applikation auf dem Flughafen von Venedig. Welche Teile der Strafarbeit jetzt kontinuierlich zu wiederholen sind, bleibt abzuwarten. Denn es war nur ein erster Test und die Quell­datenbank wird sicher noch vielfach überarbeitet werden.

Übrigens sollte man beim Taggen im Flugzeug nüchtern sein, der Griff zur Tüte ist sonst vorprogrammiert. Realistisch gesehen ist das alles ausgesprochen viel Arbeit.

Ob die von Fachleuten geäußerte Forderung, Lotus Notes eine professionelle Sprachressourcen-Verwaltung im Kern einzuverleiben, jemals realisiert wird? Welchen Lebensberater soll ich fragen?

Die CeBIT 2000 wird wieder ein weltweites Treffen der Optimisten werden. Nur am frühen Vormittag, wenn der Kampf gegen die Folgen der letzten Nacht noch im gestressten Körper tobt, mutieren sie manchmal zu Nihilisten. Und am letzten Messetag, wenn die Leads gezählt sind und das heimische Office wieder ruft, werden manche wieder zu Realisten.

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