Das Jahr 2000-Problem der anderen Art

Ich gehe davon aus, dass uns das klassische Thema Y2K in den ersten Tagen des neuen Jahres noch mit nachlassender Intensität bei der Morgenlektüre begleiten wird. Die Bild-Zeitung wird vielleicht auch im Februar noch ein Sex-and-Crime-Y2K-Drama aufdecken, aber EDV-technisch wird alles irgendwann bereinigt sein.

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Mit wachsendem Unmut registriere ich allerdings ein anderes Jahr 2000-Problem, das sich mehr auf der Zeitgeist-Schiene als auf der technischen Ebene bewegt: Der PC-Bildschirm mit Werbung. Längst haben die Konsumstrategen erkannt, dass ein Monitor ohne Werbung ein schlechter ist. Also rauf damit, schließlich haben wir fast überall 24-Zoll Bildschirme und wenn wir innen 14 Zoll für die eigentliche Applikation freilassen, dann soll das reichen. Vor zehn Jahren waren die Anwender auch mit 14 Zoll zufrieden.

So finden wir kaum noch Internet-Seiten, auf denen nicht ein gesponsertes Schleudertrauma das nächste jagt. Werbebanner scrollen in allen erdenklichen Richtungen über den Schirm, GIFs hüpfen als  Häschen nicht nur für Herrn Hefner, Lotterien bieten das Glück auf Erden, Banken ihre selbstlosen Dienste, der BH von Marilyn kann angeblich auch im Internet gefunden werden. Bei manchen Sites muss der Benutzer alle Sinne zusammenreißen, damit er sein ursprüngliches Ziel im Auge behält und nicht versehentlich bei  „Black Babies“ landet. Besonders perfide finde ich den Gebrauch von bekannten Windows Controls als Weblink ­ einmal versehentlich geklickt, und schon ist man auf den Leim gegangen.

Auch Intranets und nüchterne unternehmensinterne Applikationen werden von dieser Entwicklung nicht verschont bleiben. Ich warte auf die Randbemerkung in einem zukünftigen Pflichtenheft: „Frame­­space für die Applikation max. 30%“. Der Rest ist bereits verkauft: Die Pommes-Bude um die Ecke sponsort einen Frame, Brauhaus Ernst-August einen, Cinemaxx den nächsten, der Toyota-Händler, Bank24, eine private Krankenversicherung… ­ die meisten Lebensbereiche sind damit abgedeckt. Dem geschäftsfördernden Framesplitting sind keine Grenzen gesetzt.

Der EDV-Leiter freut sich, weil über diese Schattenfinanzierung sein Budget entlastet wird. Vielleicht kann man auf die lästige Nutzlast im mittleren Frame irgendwann ganz verzichten, wenn das Sponsoring mehr ROI bietet als die eigene Arbeit.

Akademische Erörterungen über die Gestaltung von Benutzeroberflächen sind überflüssig. Denn bei der bunten und bewegten Vielfalt in den gesponserten Frames ist es müßig, eine Applikation zur Erfassung von Vertriebsdaten zur Geltung zu bringen, die im mittleren Frame mit 320×200 Pixel nach Luft ringt.

Um das gestresste Gemüt zu beruhigen, hoffe ich, dass die Domino Server Konsole eine der letzten werbefreien Zonen bleiben wird und sich kein unmoralischer Entwickler zum Erzeugen von Werbebannern in ASCII-Grafik im Domino Log überreden lässt. Der Gemütsschutz gilt natürlich nur für den, der mit den Konsole-Meldungen inhaltlich nichts anfangen kann.

P.S. Ich habe das Gerücht gehört, dass RTL und SAT1 bei der Sonnen­­finsternis im August Werbebanner rund um den Mond installieren wollten. Die Befestigungstechnik war offensichtlich nicht lösbar…

Bis zum nächsten Mal, Ihr Jörg Allmann

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