Passive Industriespionage

Die Gewohnheiten von Handy-Benutzern sind zwar schon vielfältig in allen Medien beleuchtet worden, aber man erlebt immer wieder Steigerungen. Die Sensibilität für Peinlichkeiten geht asymptotisch gegen Null, sobald ­ vorzugsweise Herren ­ solch ein Gerät in den Fingern haben. Öffentlichkeit scheint zusätzlich zu beflügeln.

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Am Münchner Flughafen wurde ich kürzlich zum passiven Industriespion. Ein “Top-Manager” hing während der Wartezeit auf den Abflug nach Hannover mit seinem mobilen Office, bestehend aus Akten, Notebook, Time-System und diversem Kleinkram, ausgebreitet über drei Sitzplätze, in den Wartesesseln. Den Schlips lässig ge­lockert, die obersten beiden Hemdenknöpfe geöffnet, telefonierte er in gleichbleibend beeindruckender Lautstärke zuerst mit dem Kunden Siemens, dann mit seinem Büro und dann mit Mausi.

Beim Kunden bedankte er sich für das konstruktive Meeting vom Vormittag, versprach das Blaue vom Himmel bezüglich des sofortigen Projektbeginns mit voller Power. Seinem Kompagnon erklärte er anschließend, dass man den Auftrag im Sack habe, nur mit den Ressourcen gäbe es nun Probleme, weil man eigentlich keine habe. Es müsse unbedingt jemand nächste Woche zu Siemens nach München, zur Not Frau Schmidt, obwohl sie keine Ahnung habe. Aber bis Weihnachten gehe es nur ums Absitzen, da passiere sowieso nicht mehr viel.

Weiteres über die Auftragsdetails will ich hier zum Schutz des “Top-Managers” und seines Kunden nicht ausbreiten. Sie sind aber mir und mindestens zehn weiteren “passiven Industriespionen” bekannt. Das abschließende Telefonat mit Mausi war dann eher von der
locke­­ren Natur. Es hätte niveaumäßig und inhaltlich gut in die frü­here RTL-Sendung “Tutti-Frutti” gepasst. Bei den anderen Zuhörern machte sich deutlich eine gewisse Entspannung in den Gesichtszügen bemerkbar.

Da werden angestrengte Diskussionen über Zugriffssicherheit und Verschlüsselung in EDV-Systemen doch zur Farce, wenn hochsensible Inhalte Stunden später von hochrangigen Managern in Hyde-Park-Manier unters Volk gebracht werden. Wenn die nicht allzu ferne Zukunft uns endlich mobile Bildtelefone mit ausklappbarem 17-Zoll Monitor bringt, wird das Ganze noch transparenter, und ich kann dann auch mal einen Blick auf Mausi werfen.

Bis dann, Ihr ganz und gar nicht neugieriger Jörg Allmann

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