Rhetoriken der IT-Branche: Niveau-Upgrade erforderlich

Werte Büttenredner, unsere Branche feiert sich ja überaus gerne. Wir sind die Wichtigsten, die Größten, die Besten – branchenübergreifend. Wenn wir aber einmal voraussetzen, dass Rhetorik nach wie vor ein anerkanntes Kulturgut ist, dann tun sich auf Veranstaltungen der IT-Branche entsetzliche Abgründe auf. Es zeigt sich immer wieder, dass die verqueren Maßstäbe unserer Branche Redner in die Bütt schwemmen, die entweder noch ein paar Lektionen vor dem heimischen Spiegel verbringen oder lieber gänzlich öffentliche Auftritte als Redner meiden sollten. Da die Inhalte ihrer Vorträge oft belanglos oder altbekannt sind, achtet der Zuhörer umso mehr auf die persönliche Ausstrahlung des Redners, seine rhetorischen Fähigkeiten und die Qualität der Präsentationstechnik. Grundausstattung: Schicker Anzug, grenzenloses Selbstvertrauen – basierend auf dem letzten Gehaltszettel – und hypermoderne Technik.

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Doch nun zu den menschlichen Feinheiten mit einem Beispiel aus dem Top-Management und einem aus der „mittleren Etage“: Die Veranstaltung Treffpunkt @rbeit in der Alten Oper zu Frankfurt liefert einige Beweise dafür, dass höchste Gehälter keine Garantie für hohe oder mittlere Vortragsqualität darstellen. Was will uns der Vortragende sagen, wenn er eine endlose Anzahl von Liniendia­grammen bietet, in denen der Strich immer – wie sollte es auch anders sein – von links unten nach rechts oben geht. Dass seine Unterlagen offenbar vorher herunter gefallen waren und somit die Reihenfolge der Slides nicht zu den abgelesenen Zahlenkolonnen passt – wen stört das schon. Dumm gelaufen.

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum in unserer Branche, dass die Produkte Lotus Freelance oder Microsoft Powerpoint automatisch passende Inhalte liefern und gute Vorträge garantieren. Den Höhepunkt der Vortragstechnik bieten Zeitgenossen, die mit dem Rücken zum Publikum ihre Slides vorlesen – selbst staunend über das, was der Ghostwriter ihnen da untergejubelt hat. Der engagierte Vortrag eines guten Redners mit reduziertem technischen Aufwand ist eine Erholung nach solchen Darbietungen. Bei Kandidaten aus der „mittleren Etage“ mag der Zuhörer nachsichtiger sein, denn nicht jeder Redner ist freiwillig vor das Volk getreten. Die Kalauer sind dafür etwas grobschlächtiger. In einer anderen Veranstaltung in Frankfurt – der Ort scheint rhetorische Koryphäen anzuziehen – lauschten die Anwesenden folgenden Aussagen: „Das ist zumindest meines Wissens nach zumindest das einzigste Tool, was das kann“ und „Wir haben bis jetzt `ne ganz relativ gute Resonanz da drauf“. Der Vortrag gipfelte in der Empfehlung: „Dann gehen Se zum EDV-Leiter und schieben dem einfach die CD rein.“ Nach diesem an Körperverletzung grenzenden Vorschlag musste ich leider die Veranstaltung verlassen.

Vielleicht wären es auch „Perlen vor die Säue“, wenn man gute Redner in der IT-Branche verheizt, aber ein gewisses Niveau-Upgrade in Sachen Rhetorik würde doch nicht schaden.

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